Warum diverse Teams bessere Software und Produkte entwickeln

Warum gemischte Teams bessere Software bauen - Claudia Nass Bauer

Warum gemischte Teams bessere Software bauen - Claudia Nass Bauer

28. Juli 2026 · Software Testing & Qualität - Testautomatisierung, KI & Agilität

Stell dir ein Entwicklungsteam vor: alle haben einen ähnlichen Hintergrund, denken in denselben Mustern und nicken sich bei jeder Entscheidung zustimmend zu. Effizient? Vielleicht. Innovativ und nutzerzentriert? Wahrscheinlich nicht. In einer neuen Folge seines Podcasts Software Testing & Qualität spricht Host Richard Seidl mit seiner Gästin Claudia Nassbauer genau über dieses Problem. Aufgezeichnet auf der OOP-Konferenz 2026 in München, tauchen sie tief in die Frage ein, warum Vielfalt - also Diversität in Geschlecht, Disziplin und Perspektive - kein nettes Extra, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit für die IT ist.

Claudia, die ursprünglich aus dem Design kommt und im Software Engineering heimisch wurde, forscht genau zu diesem Thema. Die Episode beleuchtet, warum unsere Produkte oft unbewusst die Werte einer homogenen Gruppe widerspiegeln und wie wir diese Monokulturen aufbrechen können. Es geht um die verborgenen Hürden wie Stereotype und Privilegien, aber auch um konkrete Strategien, wie wir mehr Frauen und Talente aus anderen Fachbereichen für die Softwareentwicklung begeistern können. Diese Folge ist ein Weckruf für alle, die bessere, fairere und erfolgreichere Software entwickeln wollen - von Entwickler:innen über Tester:innen bis hin zu Führungskräften.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Bessere Produkte durch Vielfalt: Teams mit unterschiedlichen Hintergründen (z. B. Design, Soziologie, Informatik) bringen vielfältige Werte, Methoden und Erfahrungen ein. Das Ergebnis sind robustere, innovativere und nutzerfreundlichere Produkte, die weniger blinde Flecken aufweisen.
  • Unbewusste Vorurteile sind die Norm, nicht die Ausnahme: Homogene Teams entstehen nicht aus böser Absicht, sondern durch unbewusste Denkmuster und eingespielte Strukturen. Jeder Mensch hat Vorurteile; der erste Schritt zur Veränderung ist, sich dieser bewusst zu werden.
  • Kommunikation ist der Schlüssel: In von Männern dominierten Umgebungen herrschen oft hierarchische Kommunikationsstile, die andere Perspektiven unterdrücken können. Agile Methoden und kleine Teams fördern eine kollaborativere und inklusivere Gesprächskultur.
  • Stereotype aktiv aufbrechen: Es reicht nicht, auf Veränderung zu hoffen. Teams benötigen bewusste Maßnahmen, wie das Thematisieren von Privilegien, die Etablierung fester Redezeiten oder die Benennung einer Person, die auf stereotypische Aussagen achtet.
  • Brücken zu anderen Disziplinen bauen: Viele Talente aus den Sozial- oder Geisteswissenschaften wissen gar nicht, dass ihre Fähigkeiten in der IT-Welt Gold wert sind. Gezielte Ansprache und praxisnahe Formate wie Workshops können hier Türen öffnen.

Warum Monokulturen in der IT ein echtes Problem sind

Jede Software ist ein Spiegel der Menschen, die sie erschaffen haben. Claudia macht das an einem einfachen Beispiel deutlich: Ein Team, das vor allem von Werten wie Innovation und Kreativität angetrieben wird, entwickelt vielleicht ein beeindruckendes Feature, das aber Unmengen an Energie verbraucht. Der Aspekt der Nachhaltigkeit gerät in den Hintergrund, weil diese Perspektive im Team schlicht fehlt. Das ist keine böswillige Entscheidung, sondern ein natürlicher Prozess: Unsere persönlichen Werte und Weltbilder sickern unweigerlich in unsere Arbeit ein. Wenn ein Team also nur aus einer Perspektive besteht - etwa der rein technischen - werden wichtige Aspekte wie Nutzerfreundlichkeit, soziale Auswirkungen oder ethische Fragen übersehen.

Claudia argumentiert, dass die Einbindung von Disziplinen wie Design, Soziologie oder Psychologie weit mehr als nur eine Ergänzung ist. Diese Fachbereiche bringen eigene, etablierte Methoden mit, beispielsweise aus der Nutzerforschung oder den Sozialwissenschaften, die im klassischen Informatik-Curriculum oft zu kurz kommen. Statt zu erwarten, dass eine einzelne Person - der mythische Full-Stack-Entwickler - alles kann, liegt die Stärke in der Kollaboration. Ein Team, in dem eine Soziologin genauso viel Mitspracherecht bei Produktentscheidungen hat wie ein Informatiker, trifft fundiertere und ganzheitlichere Entscheidungen.

Die unsichtbaren Hürden: Stereotype und unbewusste Vorurteile

Richard wirft zu Recht ein, dass Vielfalt auch Reibung erzeugt. Es ist bequemer, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben, bei denen Diskussionen seltener und Entscheidungen schneller sind. Genau hier liegt die Herausforderung. Claudia erklärt, dass diese Konflikte nicht negativ sein müssen, wenn Teams lernen, konstruktiv damit umzugehen. Ein zentraler Punkt dabei ist das Bewusstsein für unbewusste Vorurteile (Unconscious Bias) und Privilegien. Keiner ist frei davon. Ein weißer, männlicher Akademiker in der deutschen IT-Branche startet oft, ohne es zu merken, mit Vorteilen ins Rennen, die andere nicht haben.

Sich dieser Privilegien bewusst zu werden, bedeutet nicht, sich schuldig zu fühlen, sondern die eigene Position zu reflektieren und sie zu nutzen, um andere zu unterstützen. Es geht darum, eine Kultur zu schaffen, in der die Kollegin, die vielleicht aufgrund von Sprachbarrieren oder eines anderen kulturellen Hintergrunds zurückhaltender ist, ermutigt und gehört wird. Ohne bewusste Gegenmaßnahmen setzen sich in männerdominierten Teams oft hierarchische Kommunikationsmuster durch, in denen die lautesten Stimmen dominieren und Minderheiten untergehen. Das führt mittelfristig dazu, dass diese wertvollen Teammitglieder frustriert das Unternehmen verlassen.

Agile Methoden als Katalysator für mehr Inklusion

Wie kann man diesen Mustern entgegenwirken? Claudia sieht eine große Chance in agilen Arbeitsweisen. Während in großen, formellen Meetings oft hierarchische Kommunikationssysteme vorherrschen, fördern kleine, agile Teams wie in Scrum oder Kanban eine kollaborativere und weniger hierarchische Interaktion. In einem Team von fünf bis sieben Personen ist es viel einfacher, sicherzustellen, dass jede Stimme gehört wird. Formate wie Retrospektiven bieten zudem einen geschützten Raum, um nicht nur über technische Features, sondern auch über die Zusammenarbeit und Soft Skills zu sprechen.

Hier können Probleme in der Kommunikation frühzeitig erkannt und angesprochen werden. Ein Team kann gemeinsam beschließen, Methoden einzuführen, die eine faire Beteiligung sicherstellen. Das kann eine feste Redezeit für jede Person im Daily sein oder die Regel, dass Entscheidungen erst nach einer Runde stiller Einzelarbeit diskutiert werden. Solche kleinen, aber konsequenten Maßnahmen helfen, die eingespielten, oft exklusiven Kommunikationsmuster zu durchbrechen und eine wirklich inklusive Kultur zu etablieren.

Brücken bauen: Wie wir neue Talente für die IT begeistern

Ein vielfältiges Team zu wollen, ist eine Sache - die passenden Leute zu finden, eine andere. Claudias Forschungsprojekt OIS setzt genau hier an. Eine ihrer zentralen Erkenntnisse: Viele Studierende aus Fächern wie Psychologie, Design oder Sozialwissenschaften haben die Softwareentwicklung gar nicht auf dem Schirm. Sie wissen nicht, dass ihre Expertise - etwa in der Durchführung von qualitativen Interviews oder ethnografischen Studien - für die Entwicklung menschenzentrierter Produkte unerlässlich ist.

Das Projekt verfolgt daher eine Doppelstrategie. Einerseits werden Studierende durch Weiterbildungsmaßnahmen und Lernsessions gezielt angesprochen. Ihnen wird gezeigt, wo ihre Kompetenzen in der Softwareentwicklung gebraucht werden und wie vielfältig die Rollen in der IT tatsächlich sind. Andererseits werden Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), durch Aktivierungsworkshops ins Boot geholt. In diesen Workshops arbeiten Studierende gemeinsam mit Unternehmensvertretern an konkreten Problemstellungen - etwa der Modernisierung eines alten Produkts. Die Studierenden sammeln wertvolle Praxiserfahrung und sehen, dass Softwareentwicklung ein kreativer Prozess ist. Die Unternehmen wiederum erkennen das enorme Potenzial, das in diesen interdisziplinären Talenten steckt, und können erste Kontakte knüpfen.

Praktische Schritte für mehr Vielfalt im Team

Wie kannst du nun selbst aktiv werden? Die Diskussion zwischen Richard und Claudia liefert einige konkrete Ansatzpunkte, die du direkt in deinem Team umsetzen kannst:

  1. Bewusstsein schaffen und pflegen: Beginne das Gespräch über unbewusste Vorurteile und Privilegien. Dies kann durch interne Workshops oder einfach durch regelmäßige, offene Diskussionen in Retrospektiven geschehen. Ziel ist es, ein gemeinsames Verständnis und eine offene Haltung zu entwickeln, nicht, Schuld zuzuweisen.
  2. Kommunikationsregeln bewusst gestalten: Etabliere klare Regeln für Meetings, um sicherzustellen, dass alle zu Wort kommen. Probiere Methoden wie feste Redezeitfenster, stille Brainstorming-Runden vor der Diskussion oder die bewusste Moderation durch einen Scrum Master, der auf eine ausgeglichene Beteiligung achtet.
  3. Vielfalt bei der Einstellung fördern: Formuliere Stellenausschreibungen so, dass sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen ansprechen. Suche aktiv nach Talenten außerhalb der klassischen Informatik-Studiengänge und betone, welche Fähigkeiten aus den Geistes- oder Sozialwissenschaften für die jeweilige Rolle wertvoll sind.
  4. Kooperationen und Einblicke ermöglichen: Schaffe niedrigschwellige Angebote für Quereinsteiger:innen. Biete Praktika an, organisiere Workshops in Zusammenarbeit mit Hochschulen oder nimm an Initiativen wie dem Forschungsprojekt von Claudia teil. Gib Talenten die Chance, die IT-Welt kennenzulernen - und deinem Unternehmen die Chance, sie zu entdecken.

Botcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Ich beschäftige mich beruflich wie privat mit Künstlicher Intelligenz - von konkreten Tools im Arbeitsalltag bis zu den größeren Fragen, die dabei aufkommen. Viele der Themen, die in Podcasts besprochen werden, begegnen mir in Projekten immer wieder. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ordne sie aus der Praxis ein.

Mehr über das Projekt Botcaster

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

Alle Inhalte auf Botcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts rund um Künstliche Intelligenz. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.

Shownotes

Wer gestaltet eigentlich die Software, die unseren Alltag durchdringt, und wessen Werte fließen dabei ein? Mit Claudia Nass Bauer spreche ich darüber, warum homogene Teams blinde Flecken produzieren, die keine böse Absicht sind, sondern einfach das natürliche Ergebnis, wenn immer dieselben Perspektiven am Tisch sitzen. Wir reden über unbewusste Denkmuster, über Kommunikationssysteme, die in männerdominierten Gruppen entstehen, und darüber, wie agile Methoden mit kleinen Teams diesen Mustern entgegenwirken können. Claudia stellt außerdem ein Forschungsprojekt vor, das Studentinnen aus Design, Psychologie und Sozialwissenschaften gezielt an Softwareentwicklung heranführt, weil viele von ihnen schlicht nicht wissen, dass sie dort einen echten Beitrag leisten könnten.