Neurodiversität im Software-Testing: Potenziale gezielt nutzen

Autismus im Softwaretesting: Wenn Begabung auf die Rennstrecke kommt - Helmut Pichler, Markus Kalbhenn

Autismus im Softwaretesting: Wenn Begabung auf die Rennstrecke kommt - Helmut Pichler, Markus Kalbhenn

21. Juli 2026 · Software Testing & Qualität - Testautomatisierung, KI & Agilität

Stell dir einen Ferrari vor, der gezwungen ist, auf einer Schotterpiste zu fahren. Sein volles Potenzial bleibt ungenutzt, die Rahmenbedingungen verhindern Höchstleistung. Genau dieses Bild zeichnet Markus Kalpen im Podcast Software Testing & Qualität, um das ungenutzte Potenzial von Menschen mit Autismus-Diagnose auf dem Arbeitsmarkt zu beschreiben. In dieser Episode spricht Host Richard Seidl mit ihm und Helmut Pichler über ihr Ausbildungsprogramm Testing Pro. Gemeinsam beleuchten sie, warum gerade das Software-Testing die perfekte Rennstrecke für die besonderen Fähigkeiten dieser Menschen sein kann. Die zentrale Frage dabei: Wie kann man die Arbeitswelt so gestalten, dass diese Talente nicht nur einen Job finden, sondern darin regelrecht aufblühen und Unternehmen einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen?

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Einzigartige Stärken für Qualitätssicherung: Menschen im Autismus-Spektrum bringen oft eine außergewöhnliche Detailgenauigkeit, eine hohe Konzentration und eine bemerkenswerte Ausdauer für repetitive Aufgaben mit - ideale Voraussetzungen für anspruchsvolles Software-Testing. Markus berichtet von Bewerbern, die beiläufig Dutzende Rechtschreibfehler in einer Zeitung finden.
  • Die Ferrari-Metapher: Die besonderen Begabungen entfalten sich nur in einem passenden Umfeld. Während der herkömmliche Arbeitsmarkt oft eine Schotterpiste ist, schafft das richtige Setting eine Rennstrecke, auf der diese Talente ihre volle Leistung erbringen können.
  • Ein maßgeschneidertes Ausbildungskonzept: Das Testing Pro-Programm basiert auf dem international anerkannten ISTQB Foundation Level, passt aber die Lernbedingungen an die Bedürfnisse der Teilnehmenden an: klare Strukturen, feste Zeitfenster (Timeboxing), eine ruhige Umgebung und direkte, persönliche Ansprache sind entscheidend für den Erfolg.
  • Duales Modell als Brücke in den Job: Das Programm verknüpft Theorie und Praxis von Anfang an. Die Teilnehmenden absolvieren ein mehrmonatiges Praktikum in einem Unternehmen, das für diese keine Kosten verursacht. Dies senkt die Einstiegshürde und führt zu einer hohen Übernahmequote von über 70 %.
  • Unterstützung ist der Schlüssel zum Erfolg: Die Integration gelingt nicht von allein. Das Programm begleitet Unternehmen aktiv, schult Teams im Umgang mit Neurodiversität und etabliert ein Buddy-System, um den neuen Mitarbeitenden den Einstieg fachlich und sozial zu erleichtern.

Vom persönlichen Impuls zur Erfolgsgeschichte

Die Wurzeln des Projekts liegen, wie Helmut Pichler erzählt, in einer bewegenden Keynote auf der EuroSTAR-Testkonferenz 2010. Thorkell Sonne, Gründer von Specialisterne, teilte die Geschichte seines Sohnes, der trotz seiner Begabung Schwierigkeiten im Berufsleben hatte. Inspiriert von dieser Vision, gründeten Helmut und Markus Jahre später einen österreichischen Ableger. Das Ziel war von Anfang an klar: keine reine Beschäftigungstherapie, sondern die Ausbildung hochqualifizierter Fachkräfte für den ersten Arbeitsmarkt. Die Organisation kümmerte sich um die Auswahl, die psychologische Betreuung und die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmarktservice (AMS), während erfahrene Testdienstleister wie Nagaro (früher Anecom) das fachliche Fundament lieferten.

Das Ausbildungsprogramm Testing Pro: Mehr als nur Fachwissen

Das Herzstück der Ausbildung ist eine fundierte Qualifizierung im Software-Test. Als Trainer berichtet Helmut von den Besonderheiten im Lernprozess. Während eine allgemeine Frage wie Hat noch jemand eine Frage? oft ins Leere läuft, führt eine direkte Ansprache (Richie, wie geht es dir mit diesem Thema?) zu qualifiziertem Feedback. Feste Strukturen, wie 50 Minuten Unterricht gefolgt von exakt 10 Minuten Pause, sind keine nette Geste, sondern eine Notwendigkeit, auf deren Einhaltung die Teilnehmenden bestehen.

Der Lehrplan geht weit über das ISTQB Foundation Level hinaus. Er umfasst neun Module, darunter Grundlagen der KI im Testing, Umgang mit REST-Services, Testautomatisierung mit Werkzeugen wie Tosca, Barrierefreies Testen und sogar Grundlagen des Requirements Engineerings. Ein Versuch, Performance-Testing zu integrieren, scheiterte, da das Thema für den Einstieg als zu spezifisch und abstrakt empfunden wurde. Stattdessen liegt der Fokus auf praxisnahen und breit anwendbaren Fähigkeiten. Ein positiver Nebeneffekt für Helmut als Trainer: Nach jedem Kursdurchgang sind seine Schulungsunterlagen dank des präzisen Feedbacks der Teilnehmenden absolut fehlerfrei.

Die Brücke in den Arbeitsmarkt: Ein Gewinn für alle Seiten

Markus Kalpen erläutert das duale Ausbildungsmodell, das sich als entscheidender Erfolgsfaktor erwiesen hat. Anstatt die Absolventen erst nach dem Kurs zu vermitteln, werden sie bereits während der Ausbildung in Partnerunternehmen integriert. Für die Unternehmen ist dieses Modell extrem attraktiv: Sie erhalten für rund zehn Monate eine motivierte und talentierte Fachkraft für ca. 30 Stunden pro Woche, ohne dass Lohnkosten anfallen, da die Teilnehmenden weiterhin über das AMS versichert sind. Dieses Nullsummenspiel ermöglicht es Firmen, potenzielle Mitarbeitende ohne finanzielles Risiko kennenzulernen und praktisch zu erproben.

Die aktuelle wirtschaftliche Lage mit Einstellungsstopps stellt zwar eine Herausforderung dar, doch der Mehrwert überzeugt viele Entscheider. Die Erfahrung zeigt, dass die Teilnehmenden oft schon nach wenigen Monaten produktiv mitarbeiten und zu wertvollen Teammitgliedern werden. Die Übernahmequoten von über 70 % sprechen für sich.

Die Rennstrecke bauen: Was Unternehmen für eine gelungene Integration tun können

Damit der Ferrari seine volle Leistung entfalten kann, müssen die Rahmenbedingungen im Unternehmen stimmen. Der Erfolg hängt maßgeblich von der Vorbereitung des Teams und der Gestaltung des Arbeitsumfelds ab. Markus und sein Team unterstützen die Unternehmen dabei aktiv. Dazu gehören Awareness-Schulungen für die Belegschaft, um Unsicherheiten abzubauen und für das Thema Neurodiversität zu sensibilisieren.

Konkret geht es oft um einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen: Ein Arbeitsplatz am Rand eines Großraumbüros statt in der Mitte, die Möglichkeit, mit Kopfhörern zu arbeiten, oder idealerweise ein Platz in einem kleineren Büro. Entscheidend ist auch die Kommunikation: Anweisungen müssen klar, präzise und unmissverständlich sein. Eine vage Aufforderung wie Schau dir das mal an führt zu Verwirrung, während eine konkrete Aufgabe wie Bitte teste Feature X bis 16:00 Uhr anhand dieser Checkliste zu exzellenten Ergebnissen führt. Ein fester Ansprechpartner oder Buddy im Team, der für fachliche und organisatorische Fragen zur Verfügung steht, ist in den ersten Monaten unverzichtbar.

Praktische Schritte für eine erfolgreiche Integration

Wenn du in deinem Unternehmen ebenfalls die Rennstrecke für diese Talente bauen möchtest, helfen dir die folgenden, aus dem Gespräch abgeleiteten Schritte:

  1. Bewusstsein und Offenheit schaffen: Informiere dein Team proaktiv über Neurodiversität. Sensibilisiere sie dafür, dass andere Denk- und Arbeitsweisen eine Bereicherung sind. Nutze externe Unterstützung, um Vorurteile abzubauen.
  2. Den Arbeitsplatz anpassen: Sorge für eine reizarme Umgebung. Ein ruhiger Platz, idealerweise nicht an einem Hauptdurchgangsweg, ist essenziell. Die Möglichkeit, sich mit Kopfhörern abzuschirmen, sollte selbstverständlich sein.
  3. Kommunikation präzisieren: Formuliere Arbeitsanweisungen direkt, eindeutig und ohne Ironie oder Metaphern. Gib klare Zeitvorgaben und Erwartungen. Statt offener Fragen sind direkte Ansprachen wirksamer.
  4. Struktur und Vorhersehbarkeit bieten: Etabliere klare Routinen, wiederkehrende Termine und feste Zeitpläne (Timeboxing). Vorhersehbarkeit reduziert Stress und schafft Sicherheit.
  5. Ein Buddy-System etablieren: Benenne eine feste Ansprechperson im Team, die nicht zwingend der Vorgesetzte sein muss. Dieser Buddy hilft bei der Einarbeitung, beantwortet Alltagsfragen (Wo ist die Kaffeemaschine?) und unterstützt bei der sozialen Integration im Team.

Botcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Ich beschäftige mich beruflich wie privat mit Künstlicher Intelligenz - von konkreten Tools im Arbeitsalltag bis zu den größeren Fragen, die dabei aufkommen. Viele der Themen, die in Podcasts besprochen werden, begegnen mir in Projekten immer wieder. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ordne sie aus der Praxis ein.

Mehr über das Projekt Botcaster

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

Alle Inhalte auf Botcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts rund um Künstliche Intelligenz. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.

Shownotes

Menschen mit Autismusdiagnose, die im Wartezimmer spontan 48 Rechtschreibfehler in einer Illustrierten zählen, bevor das Gespräch überhaupt beginnt: Das erzählen mir Helmut Pichler und Markus Kalbhenn, und es erklärt besser als jede Theorie, warum genau diese Fähigkeiten im Softwaretesting so gut ankommen. Wir sprechen darüber, wie das Ausbildungsprogramm aufgebaut ist, welche Anpassungen im Training wirklich den Unterschied machen, und was Unternehmen konkret brauchen, damit die Zusammenarbeit funktioniert. Dabei geht es nicht nur um Pausen und ruhige Räume, sondern auch darum, wie klare Aufgabenstellungen und ein fester Tagesrhythmus aus einer unsicheren Situation ein gutes Arbeitsverhältnis machen können.