KI-Politik im EU-Parlament: Ein Gespräch mit Sabine Verheyen

Regulierungskeule oder Innovationsmotor? KI im EU-Parlament mit Sabine Verheyen

Regulierungskeule oder Innovationsmotor? KI im EU-Parlament mit Sabine Verheyen

12. Mai 2026 · Kollegin KI

Wie navigiert das politische Herz Europas, das EU-Parlament, die Welle der künstlichen Intelligenz? In einer besonderen Folge des Podcasts Kollegin KI, produziert von Podstars by OMR, reist Host Max Mundhenke nach Straßburg, um genau das herauszufinden. Anstelle eines Tech-Unternehmers oder Kreativschaffenden spricht er mit Sabine Verheyen, der Ersten Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Das Gespräch bietet einen seltenen Einblick, wie KI den Arbeitsalltag von Abgeordneten und ihren Teams bereits verändert, welche ethischen Leitplanken gesetzt werden und wo die Politik die Grenzen der Technologie sieht. Es geht um die Balance zwischen Effizienzgewinn und dem Schutz sensibler Daten, um die Zukunft des Urheberrechts und die große Frage, wie Europa im globalen KI-Wettlauf seine digitale Souveränität behaupten kann.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Ein eigenes KI-Modell für das Parlament: Um sensible politische Daten zu schützen, entwickelt die Verwaltung des EU-Parlaments ein eigenes, internes KI-System. Damit sollen Abhängigkeiten von US-Anbietern wie OpenAI reduziert und die Datensicherheit gewährleistet werden.
  • Menschliche Kontrolle ist unantastbar: Sabine betont, dass KI ein unterstützendes Werkzeug, aber niemals ein Ersatz für menschliche Urteilskraft sein darf. Jedes von einer KI generierte Ergebnis - sei es eine Textzusammenfassung oder eine Gesetzesanalyse - muss von Menschen überprüft und verifiziert werden.
  • Transparenz als oberstes Gebot: Für Inhalte, die mit KI erstellt oder maßgeblich bearbeitet wurden, fordert sie eine klare Kennzeichnungspflicht. Ihr Leitsatz lautet: Wo KI drin ist, muss auch KI draufstehen. Dies gilt für journalistische Produkte ebenso wie für Social-Media-Posts.
  • Urheberrecht und faire Vergütung: Die Nutzung kreativer Werke zum Training von KI-Modellen erfordert neue Regelungen. Diskutiert werden Lizenzmodelle und eine Art Verwertungsgesellschaft (VG KI), um sicherzustellen, dass Künstlerinnen und Urheber fair für die Nutzung ihrer Daten entlohnt werden.
  • Europas Kampf gegen den Brain Drain: Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, muss Europa attraktivere Rahmenbedingungen für KI-Talente und -Start-ups schaffen. Dazu gehören laut Sabine ein Abbau von Bürokratie und eine intelligentere, mitwachsende Regulierung anstelle einer starren Regulierungskeule.

KI im politischen Alltag: Zwischen Effizienz und Datensicherheit

Der Einzug der KI in das EU-Parlament ist längst Realität. Max erfährt von Sabine, dass Abgeordnete und ihre Mitarbeitenden bereits Werkzeuge wie ChatGPT nutzen, um beispielsweise lange Reden zu kürzen oder Informationen zu recherchieren. Doch dieser pragmatische Einsatz ist an strikte Regeln gebunden. Die wichtigste Leitlinie: keine sensiblen oder vertraulichen Daten in externe Systeme einspeisen. Der Grund liegt auf der Hand: Daten, die an OpenAI und Co. gesendet werden, können zum Training der Modelle genutzt werden und verlassen den geschützten Raum der europäischen Institutionen. Gerade bei vertraulichen Dokumenten, etwa in der Außen- oder Sicherheitspolitik, wäre dies ein untragbares Risiko.

Aus diesem Grund arbeitet die IT-Abteilung des Parlaments, so Sabine, an einer eigenen, geschützten KI-Lösung. Diese soll auf den internen Daten des Parlaments trainiert werden und somit sichere, kontextbezogene Ergebnisse liefern, ohne die Datensouveränität zu gefährden. Denkbare Anwendungsfälle sind enorm hilfreich: So könnte die KI dabei unterstützen, die Umsetzung von EU-Richtlinien in den nationalen Gesetzen der Mitgliedsstaaten zu überprüfen - eine Aufgabe, die sonst immense Recherchearbeit erfordert. Sie könnte auch die komplexe Suche nach Bezügen in bestehenden Gesetzestexten radikal vereinfachen.

Die Grenzen der Automatisierung: Warum menschliche Expertise unersetzlich bleibt

Ein besonders anschauliches Beispiel für die Grenzen der KI liefert die Diskussion über Übersetzungen und Dolmetschen im Parlament. Während KI bei der schriftlichen Übersetzung von Texten bereits als Unterstützung für menschliche Übersetzer eingesetzt wird, um etwa die Konsistenz von Rechtsbegriffen zu prüfen, sieht Sabine die Technologie beim Simultandolmetschen noch lange nicht als Ersatz. Die menschlichen Dolmetscherinnen und Dolmetscher im Parlament leisten Außergewöhnliches: Sie erfassen nicht nur Worte, sondern auch Nuancen, Akzente, Ironie und den kulturellen Kontext - Fähigkeiten, die eine KI in dieser Form nicht replizieren kann. Eine Verdolmetschung durch KI, so ihre Erfahrung, scheitert oft an Dialekten oder unerwarteten Formulierungen und ist fehleranfällig.

Dieses Beispiel unterstreicht ein zentrales Prinzip, das Sabine immer wieder hervorhebt: der Human Oversight. Die finale Verantwortung und die kritische Prüfung müssen immer beim Menschen liegen. Die politische Entscheidung selbst kann und darf niemals an eine Maschine delegiert werden, denn Abgeordnete sind gewählte Vertreter der Bürger, nicht die Ausführenden eines Algorithmus eines US-Konzerns.

Urheberrecht im KI-Zeitalter: Schutz der Kreativen und die Forderung nach Transparenz

Ein großes Spannungsfeld ist der Kultur- und Kreativsektor. KI-generierte Musik, Bilder und Texte überschwemmen die Plattformen und stellen das traditionelle Urheberrecht infrage. Sabine erklärt die Position des Parlaments: Rein von einer KI erstellte Inhalte genießen keinen urheberrechtlichen Schutz, da dieser an eine persönliche, geistige Schöpfung eines Menschen gebunden ist. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch woanders: Die Modelle werden mit den Werken menschlicher Künstler trainiert. Wenn eine KI im Stil eines bestimmten Malers ein neues Bild erschafft, muss der ursprüngliche Künstler dafür fair entlohnt werden.

Hierfür sind neue Lösungen erforderlich. Eine zentrale Forderung ist die Transparenz darüber, mit welchen Daten eine KI trainiert wurde. Darauf aufbauend könnten faire Vergütungsmodelle entstehen, etwa über Lizenzsysteme oder eine zentrale Verwertungsgesellschaft, ähnlich der GEMA für Musik. Dies würde verhindern, dass die Arbeit von Kreativen ausgebeutet wird, um Konkurrenzprodukte zu schaffen, die ihnen letztlich die Existenzgrundlage entziehen.

Kennzeichnungspflicht und Deepfakes: Der Kampf um Wahrheit und Vertrauen

Die fortschreitende Qualität von KI-generierten Inhalten macht es immer schwieriger, zwischen echt und falsch zu unterscheiden. Deshalb plädiert Sabine entschieden für eine allgemeine Kennzeichnungspflicht. Ob ein Foto auf Instagram mit einem KI-Filter verschönert, ein journalistischer Artikel mit KI-Hilfe zusammengefasst oder ein Video komplett künstlich erzeugt wurde - der Nutzer muss dies erkennen können. Dies sei nicht nur eine Frage der Ehrlichkeit, sondern auch des Schutzes, insbesondere für junge Menschen. Wenn Jugendliche in sozialen Medien nur noch mit perfektionierten, KI-optimierten Bildern konfrontiert werden, entsteht ein realitätsfernes Idealbild, das die mentale Gesundheit gefährden kann.

Noch kritischer wird es bei Deepfakes im politischen Kontext. Gezielt manipulierte Videos oder Zitate können zur Desinformation und Diffamierung eingesetzt werden und stellen eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie dar. Zwar werden solche Fälle im parlamentarischen Umgang geahndet, doch die größere Herausforderung liegt in der gesellschaftlichen Debatte. Hier betont Sabine die Wichtigkeit von Fact-Checking-Initiativen und kritisiert Plattformen, die sich aus dieser Verantwortung zurückziehen.

Europas digitale Souveränität: Zwischen Regulierung und Brain Drain

Ein wiederkehrendes Thema ist die Macht der großen US-Tech-Plattformen. Gesetze wie der Digital Services Act (DSA) sollen zwar für Ordnung sorgen, doch ihre Durchsetzung gestaltet sich schwierig. Sabine beschreibt frustriert, wie Unternehmen wie X (ehemals Twitter) oder TikTok illegale Inhalte nur verzögert oder gar nicht löschen und verhängte Strafen oft einfach als Geschäftskosten einpreisen. Sie fordert empfindlichere Strafen und ein stärkeres Bewusstsein für die Marktmacht Europas mit seinen 450 Millionen konsumstarken Bürgern.

Gleichzeitig warnt sie davor, die eigene Innovationskraft durch übermäßige Regulierung zu ersticken. Der Abgang talentierter Entwickler wie Peter Täuber, der Europa verließ, um in den USA für OpenAI zu arbeiten, ist ein Alarmsignal. Um den Brain Drain zu stoppen, müsse Europa attraktiver werden. Das bedeutet laut Sabine nicht, Grundsätze aufzugeben, sondern Bürokratie abzubauen. Sie plädiert für einen gleitenden Übergang bei Regulierungsanforderungen für wachsende Unternehmen, statt sie ab einer bestimmten Größe mit der vollen Keule zu treffen. Investitionen in die Infrastruktur wie den Supercomputer JUPITER in Jülich sind ein Schritt in die richtige Richtung, doch es braucht auch eine Kultur des Vertrauens und der Ermöglichung, um die klügsten Köpfe in Europa zu halten.

Wichtige Leitsätze für den Umgang mit KI

Aus dem Gespräch mit Sabine Verheyen lassen sich klare Prinzipien für den Einsatz von KI ableiten, die sowohl für politische Institutionen als auch für Unternehmen und Einzelpersonen gelten:

  1. Bleibe kritisch: Nutze KI als Werkzeug, aber verlasse dich niemals blind auf ihre Ergebnisse. Überprüfe Fakten und Logik immer mit deinem eigenen Verstand.
  2. Schütze deine Daten: Gib niemals vertrauliche, persönliche oder geschäftskritische Informationen in öffentliche KI-Systeme ein.
  3. Schaffe Transparenz: Wenn du KI zur Erstellung von Inhalten nutzt, die du veröffentlichst, kennzeichne dies klar und deutlich. Ehrlichkeit schafft Vertrauen.
  4. Behalte die Kontrolle: Die finale Entscheidung und die moralische Verantwortung müssen immer beim Menschen liegen. Delegiere keine strategischen oder ethischen Entscheidungen an einen Algorithmus.

Botcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Ich beschäftige mich beruflich wie privat mit Künstlicher Intelligenz - von konkreten Tools im Arbeitsalltag bis zu den größeren Fragen, die dabei aufkommen. Viele der Themen, die in Podcasts besprochen werden, begegnen mir in Projekten immer wieder. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ordne sie aus der Praxis ein.

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Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

Alle Inhalte auf Botcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts rund um Künstliche Intelligenz. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.

Shownotes

In dieser Folge von „Kollegin KI“ begrüßt Host Max Mundhenke einen Gast aus dem Herzen der europäischen Demokratie: Sabine Verheyen, erste Vizepräsidentin des EU-Parlaments. Das Gespräch bietet einen spannenden Einblick in den digitalen Maschinenraum Straßburgs – von der internen Nutzung generativer KI-Tools bis hin zur großen regulatorischen Bühne des AI-Acts. Besonders brisant ist Verheyens Kernthese: Während KI bei Recherche und Verwaltung wertvolle Dienste leistet, darf die politische Letztentscheidung niemals an Algorithmen delegiert werden. Zudem plädiert sie leidenschaftlich für eine Kennzeichnungspflicht: „Wo KI drin ist, muss auch KI draufstehen“, um das Vertrauen in Medien und Demokratie langfristig zu schützen.

Das sind die Themen der „Kollegin KI“-Episode mit Sabine Verheyen: Eine EU-Parlaments-KI: Warum die Verwaltung des europäischen Parlaments an einem hausinternen Sprachmodell als geschützte Alternative zu ChatGPT arbeitet. Schutz des Urheberrechts: Weshalb faire Vergütungsmodelle für KI-generierte Inhalte über Verwertungsgesellschaften für Künstler unverzichtbar sind.

Gefahr durch Deepfakes: Wie manipulierte Videos auf EU-Ebene bereits zur Diffamierung genutzt werden und wie konsequente Ahndung und verstärktes Fact-Checking das ändern könnten. Transparenz für Jugendliche: Wieso es eine Kennzeichnung von KI-Filtern in sozialen Medien braucht, um die mentale Gesundheit junger Menschen zu schützen. Stopp dem Brain-Drain: Wie Europa durch den Abbau von Bürokratie im „Digital Omnibus“ attraktiver für Startups werden will, um Talente nicht an die USA zu verlieren. Macht der Plattformen: Wie die EU auf US-Tech-Konzerne reagieren sollte, die europäische Regeln und Gesetze wie den DSA ignorieren.

Der Chatbot zur Folge: https://bio.to/KolleginKI_Chatbot

Mehr zu Sabine Verheyen auf ihrer Website https://www.sabine-verheyen.de/willkommen.html

Mehr zu Max bei Linkedin: https://www.linkedin.com/in/tomkraftwerk/

Produktion: Podstars by OMR