KI im Synchronbereich: Sascha Rotermund über den Konflikt mit Netflix
Was passiert, wenn eine Technologie wie Künstliche Intelligenz auf ein jahrhundertealtes Handwerk wie die Schauspielerei trifft? Im Podcast Kollegin KI von Podstars by OMR geht Host Max Mundhenke dieser Frage auf den Grund. Sein Gast ist Sascha Rotermund, einer der bekanntesten Synchronsprecher Deutschlands - die Stimme von Stars wie Pedro Pascal, Benedict Cumberbatch und Omar Sy. Das Gespräch beleuchtet den tiefen Konflikt zwischen künstlerischer Integrität und den wirtschaftlichen Verlockungen der KI. Es geht um mehr als nur Technik: Es geht um die Seele der Kunst, das Recht an der eigenen Stimme und die Frage, ob wir bereit sind, für menschliche Kreativität einen Preis zu zahlen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Kern des Konflikts: Sascha Rotermund lehnt eine neue Vertragsklausel von Netflix ab, die dem Streaming-Anbieter erlaubt, seine Stimme zum Training von KI-Modellen zu verwenden. Er fordert das Recht, diesem Training von vornherein widersprechen zu können, nicht erst bei der späteren Nutzung.
- Kunst braucht Menschlichkeit: Für Sascha ist Kunst untrennbar mit menschlichen Eigenschaften wie Fehlbarkeit, Emotion und Unberechenbarkeit verbunden. KI, die auf Daten und Berechnungen basiert, könne diese Essenz nicht reproduzieren und führe zu einer berechenbaren, letztlich langweiligen Beliebigkeit.
- Die Gefahr der Legenden-Zerstörung: Die KI-gestützte Wiederbelebung von Stimmen verstorbener Künstler, wie im Fall von Hans Clarin als Pumuckl, hält er für ethisch bedenklich. Es bestehe die Gefahr, das Erbe und die Einzigartigkeit eines Künstlers zu verwässern und zu einer beliebigen Ware zu machen.
- Wirtschaftlichkeit vs. Qualität: Dem Argument, KI könne Produktionsprozesse effizienter machen, begegnet Sascha mit Skepsis. Er bezweifelt, dass KI-generierte Prototypen die emotionale Tiefe und Qualität menschlicher Arbeit abbilden können, um Markterfolg verlässlich zu testen.
- Eine Haltung mit Signalwirkung: Sascha ist sich bewusst, dass sein Boykott KI nicht aufhalten wird. Sein Ziel ist es, eine öffentliche Debatte anzustoßen und das Bewusstsein dafür zu schärfen, was auf dem Spiel steht, wenn menschliche Kunst durch maschinell erzeugte Inhalte ersetzt wird.
Der konkrete Konflikt: Netflix und die KI-Klausel
Den direkten Anstoß für die Auseinandersetzung liefert ein neuer Vertrag von Netflix. Max fragt Sascha, wie KI seine Arbeit konkret beeinflusst, und dieser beschreibt die umstrittene Klausel. Netflix möchte sich das Recht sichern, die Arbeit von Synchronsprecherinnen und -sprechern - also ihre aufgezeichneten Stimmen und Darbietungen - zum Trainieren der hauseigenen KI zu nutzen. Sascha betont, dass der Vertrag zwar vorsieht, für eine tatsächliche Nutzung der KI-generierten Stimme (den Output) eine separate Erlaubnis einzuholen und eine Vergütung zu verhandeln. Doch für ihn liegt das Problem bereits einen Schritt früher: Er möchte nicht, dass seine künstlerische Arbeit überhaupt als Trainingsmaterial (Input) dient. Er argumentiert, dass man nicht wissen könne, wo diese Daten landen und was langfristig damit geschieht. Daher hat er, wie auch sein Kollege Santiago Ziesmer (die deutsche Stimme von SpongeBob), die Zusammenarbeit mit Netflix unter diesen Bedingungen vorerst beendet.
Kunst versus Technologie: Eine Grundsatzdebatte
Warum diese strikte Haltung? Für Sascha Rotermund ist es eine Frage des Kunstverständnisses. Er erklärt, dass die wahre Magie einer Darbietung nicht allein im Klang einer Stimme liegt, sondern in der menschlichen Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, Dramaturgie zu erzeugen und Gefühle zu transportieren. Er vergleicht Kunst mit der Unberechenbarkeit des Lebens selbst und nennt ein Beispiel aus der Musikgeschichte: Die ikonischen, schrägen Gitarrenakkorde am Anfang des Radiohead-Songs Creep entstanden aus einem Moment des Frusts des Gitarristen - ein menschlicher, unvorhersehbarer Fehler, der zum Markenzeichen wurde. Genau diese menschliche Komponente fehle einer KI, die lediglich Daten neu kombiniert. Max wirft das historische Beispiel der Fotografie ein, die einst von Malern als Bedrohung ihrer Kunst gesehen wurde, sich aber als eigenständige Kunstform etablierte. Sascha sieht hier einen entscheidenden Unterschied: Die Fotografie war ein neues Werkzeug in der Hand eines menschlichen Künstlers. Generative KI hingegen droht, den Künstler selbst zu ersetzen und Kunst zu einem reinen Rechenergebnis zu machen.
Ethische Grenzen: Die Stimmen der Verstorbenen
Besonders kritisch wird die Debatte, wenn es um das Erbe verstorbener Künstler geht. Sascha spricht den Fall des Pumuckl an, dessen Stimme im neuen Kinofilm mithilfe von KI der des verstorbenen Originalsprechers Hans Clarin nachempfunden wurde. Der Schauspieler Maxi Schafroth sprach die Rolle ein, und die KI legte den bekannten Stimmklang darüber. Obwohl das Ergebnis technisch beeindruckend sein mag, sieht Sascha darin eine ethische Grenzüberschreitung. Hans Clarin konnte zu dieser Technologie nie seine Zustimmung geben. Zudem argumentiert er, dass man damit Legenden zerstört. Die Stimme wird zu einer leeren Hülle, einer Marionette, die beliebig in zukünftigen, vielleicht qualitativ schlechteren Produktionen eingesetzt werden kann. So wird das einzigartige Werk eines Künstlers zu einem austauschbaren Produkt. Eine Ausnahme sieht er bei spielerischen Anwendungen, wie einer Lern-App, die die Stimme Albert Einsteins nutzt. Dies sei eher ein Gag, vergleichbar mit Navigationssystemen, die von Stimmenimitatoren besprochen wurden - hier gehe es nicht um die Imitation von Kunst.
Ein Signal für die Zukunft
Max konfrontiert Sascha mit dem klassischen Waffenhändler-Argument: Wenn du es nicht machst, macht es ein anderer. Sascha ist sich dessen vollkommen bewusst. Er und seine Mitstreiter hegen nicht die Illusion, Netflix in die Knie zu zwingen oder den Vormarsch der KI zu stoppen. Ihr Ziel ist ein anderes: Aufmerksamkeit schaffen. Sie wollen das Publikum erreichen und eine Diskussion darüber anstoßen, was eine Gesellschaft verliert, wenn sie menschliche Kreativität durch maschinelle Effizienz ersetzt. Er hofft auf eine Zukunft der Koexistenz, in der klar deklariert wird, ob ein Werk von Menschen oder einer KI geschaffen wurde. Vielleicht, so eine Idee, wären Zuschauer dann sogar bereit, für authentische, menschliche Kunst einen höheren Preis zu zahlen - als Zeichen der Wertschätzung für das Unberechenbare, das Fehlerhafte und das zutiefst Menschliche.
Wichtige Denkanstöße für den Umgang mit KI in der Kreativbranche
Aus dem Gespräch lassen sich einige zentrale Überlegungen für jeden ableiten, der sich mit den Auswirkungen von KI auf kreative Arbeit beschäftigt:
- Verstehe die Details: Wenn du mit KI-Klauseln in Verträgen konfrontiert wirst, unterscheide genau zwischen dem Recht, deine Arbeit zum Training einer KI zu nutzen (Input), und dem Recht, die daraus resultierenden Ergebnisse zu verwenden (Output). Fordere Transparenz und das Recht, beiden Schritten separat zuzustimmen oder sie abzulehnen.
- Definiere deine rote Linie: Wo verläuft für dich persönlich die Grenze? Wann ist KI ein nützliches Werkzeug, das deine Arbeit unterstützt, und wann wird sie zu einem Ersatz, der deine kreative Leistung entwertet? Eine klare eigene Haltung ist der erste Schritt.
- Bedenke das große Ganze: Die Entscheidung für oder gegen den Einsatz von KI hat nicht nur individuelle wirtschaftliche Folgen. Sie beeinflusst auch, wie Kunst und Kultur in Zukunft wahrgenommen und bewertet werden. Fördert sie Vielfalt oder führt sie zu einer globalen kreativen Monokultur?
- Nutze deine Stimme: Auch wenn du den technologischen Wandel nicht allein aufhalten kannst, ist deine Position von Bedeutung. Indem du deine Bedenken äußerst, trägst du zu einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte bei und schärfst das Bewusstsein für den Wert menschlicher Kreativität.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
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Shownotes
Darf KI Kunst ersetzen? In dieser Folge von „Kollegin KI“ begrüßt Podcast-Host Max Mundhenke den profilierten Schauspieler und Synchronsprecher Sascha Rotermund. Bekannt als deutsche Stimme von Stars wie Pedro Pascal und Benedict Cumberbatch, gewährt Rotermund einen tiefen Einblick in eine Branche im Umbruch. Seine zentrale These rüttelt auf: Echte Kunst lebt von menschlicher Unberechenbarkeit und Fehlbarkeit – KI hingegen liefert nur leblose, berechnete Daten. Er klärt auf, warum er aktuelle Netflix-Verträge zum KI-Training konsequent ablehnt und weshalb das Klonen verstorbener Legenden wie Hans Clarin Gefahren birgt. Eine packende Debatte über den unschätzbaren Wert der menschlichen Stimme.
Das sind die Themen dieser „Kollegin KI“-Episode mit Sascha Rotermund:
Netflix und KI-Training: Warum neue Vertragsklauseln des Streaming-Riesen die Synchronbranche dazu zwingen, sich zwischen rechtlicher Absicherung und der bedingungslosen Freigabe der eigenen Arbeit für maschinelles Lernen zu entscheiden. Das menschliche an Kunst: Weshalb die wahre Magie kreativen Schaffens in der menschlichen Fehlbarkeit liegt und wieso rein datenbasierte Produktionen die Kultur unweigerlich in eine sterile Langeweile treiben. Ethische Herausforderungen: Welche unvorhergesehenen Gefahren es birgt, wenn verstorbene Legenden per Algorithmus als Stimmenklon wiederbelebt werden, statt dem Publikum echten Raum für nachwachsende Künstler zu lassen.
Gefahr durch Beliebigkeit: Wie eine ungebremste Überindividualisierung von Kulturangeboten die traditionellen Gemeinschaftserlebnisse bedroht und den Markt mit unendlicher, austauschbarer Massenware überschwemmt.
Wirtschaftlicher Boykott als Zeichen: Warum das Verweigern von KI-Klauseln durch prominente Sprecher zwar nicht den technologischen Fortschritt aufhält, aber ein unverzichtbares Signal an das Publikum und die Industrie sendet.
Foto: Steven Haberland
Der Chatbot zur Folge: https://bio.to/KolleginKI_Chatbot
Mehr zu Sascha auf seiner Website: https://sascharotermund.de/home/
Netflix aktuelle Guideline für Synchronisationen: https://partnerhelp.netflixstudios.com/hc/en-us/articles/10214194386963-Guiding-Principles-German
Mehr zu Max bei Linkedin: https://www.linkedin.com/in/tomkraftwerk
Produktion: Podstars by OMR