KI-Transformation bei Viessmann: Organisation neu denken mit KI

Wie Viessmann seine Organisation für den IQ-500-Kollegen umbaut (mit Frauke von Polier)

Wie Viessmann seine Organisation für den IQ-500-Kollegen umbaut (mit Frauke von Polier)

3. Juli 2026 · AI FIRST Podcast

Wie würdest du dein Team umbauen, wenn du plötzlich einen neuen Kollegen einstellen müsstest, dessen Intelligenzquotient bei 500 liegt? Diese provokante Frage steht im Zentrum des AI FIRST Podcasts, in dem Host Felix Schlenther mit Frauke von Poullier, AI Transformation Officer der Viessmann Generations Group, spricht. Frauke, die aus einer langjährigen Rolle als Chief People Officer kommt, bringt eine einzigartige Perspektive mit: Für sie ist KI keine bloße Technologie, sondern ein fundamentaler Wandel der Organisation, der Fähigkeiten und der Führung. In dieser Episode erfährst du, warum das Denken in reiner Effizienz eine Sackgasse ist und wie Unternehmen eine proaktive Gestaltungshaltung entwickeln können, um die Organisation der Zukunft zu bauen - eine, in der Mensch und KI als intelligente Partner zusammenarbeiten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • KI als Kollege, nicht als Werkzeug: Der entscheidende Denkfehler vieler Unternehmen ist es, KI wie ein weiteres Software-Tool zu behandeln. Frauke plädiert dafür, KI als intelligenten, lernfähigen Kollegen mit einem IQ von 500 zu betrachten. Dieser Perspektivwechsel ist die Grundlage für eine echte Transformation, da man einem Genie keine simplen Aufgaben gibt, sondern seine außergewöhnlichen Fähigkeiten strategisch nutzt.
  • Vom Tool-Denken zur echten Transformation: Die Fokussierung auf Effizienz und Automatisierung bestehender Prozesse greift zu kurz. Der wahre Wert von KI liegt in der Schaffung qualitativ besserer Ergebnisse und neuer Geschäftsmodelle. Dies erfordert ein Umdenken, das laut Frauke auf der Führungsebene beginnen muss.
  • Die 70-30-Regel der KI-Investition: Der Erfolg einer KI-Transformation hängt nicht primär von der Technologie ab. Frauke schlägt vor, 70 % der Ressourcen in die Befähigung der Menschen und die organisatorische Anpassung zu investieren und nur 30 % in die Technologie selbst.
  • Die Zukunft der Expertise: Junior-Rollen, die heute oft aus repetitiven Aufgaben bestehen, werden sich drastisch verändern oder wegfallen. Die entscheidende Fähigkeit der Zukunft ist das Judgment - die domänenspezifische Expertise, um von KI generierte Ergebnisse zu validieren und zu bewerten. Die Herausforderung besteht darin, dieses Expertenwissen beschleunigt an die KI-native Generation weiterzugeben.
  • Führung als Visionsarbeit: In einer Zeit exponentieller Veränderung ist die Kernaufgabe von Führungskräften, eine klare und positive Vision einer KI-gestützten Zukunft zu entwickeln und zu kommunizieren. Nur so lässt sich die oft lähmende Angst vor dem Wandel in eine aktive Gestaltungskraft umwandeln.

KI als Kollege: Ein radikaler Perspektivwechsel

Stell dir vor, du arbeitest nicht mehr nur mit Tools, sondern mit einem Partner, der unermüdlich lernt und komplexe Daten in einer Geschwindigkeit verarbeitet, die für das menschliche Gehirn unvorstellbar ist. Genau diesen Paradigmenwechsel beschreibt Frauke von Poullier mit ihrem Konzept des Human AI Experience Management. Während ein Werkzeug passiv ist und vom Menschen bedient wird, agiert eine KI wie ein lernendes System. Sie vergleicht es mit einem Kollegen, der zwar socially awkward sein mag, aber in der Datenverarbeitung und Mustererkennung unschlagbar ist.

Dieser Mentalitätswandel hat weitreichende Konsequenzen. Anstatt die KI nur zu bitten, E-Mails schöner zu formulieren - eine Aufgabe für einen 50er-IQ -, sollte man ihr die komplexesten Probleme zur Lösung vorlegen. Frauke erklärt, dass viele Unternehmen noch im evolutionären Denken der Digitalisierung verhaftet sind. Sie sehen KI als nächste Stufe der Automatisierung und verpassen so die sprungfixen, revolutionären Potenziale. Dieser Fehler beginnt oft an der Spitze: Wenn die Geschäftsführung KI nicht als strategischen Partner begreift, wird die Organisation sie auch nur als Werkzeug zur Effizienzsteigerung einsetzen.

Die Organisation der Zukunft: Wo fängt man an?

Wie übersetzt man diese Vision in die Praxis? Fraukes Ansatz ist strukturiert und pragmatisch. Anstatt überall gleichzeitig kleine KI-Projekte zu starten, konzentriert sie sich auf den Kern der Wertschöpfung. Der erste Schritt ist immer die Frage: Wo werden in unserem Unternehmen die wichtigsten Entscheidungen getroffen, die den Geschäftswert bestimmen?

Am Beispiel der Viessmann Holding, deren Kernaufgabe das Treffen von Investmententscheidungen ist, illustriert sie den Prozess. Anstatt den gesamten M&A-Prozess zu automatisieren, zerlegt sie ihn in seine entscheidenden Phasen, wie etwa die Due Diligence. Hier kommt der IQ 500-Kollege ins Spiel: Eine KI kann in wenigen Tagen komplexe Szenarien aus riesigen Datenräumen erstellen, für die ein menschliches Team Wochen bräuchte. Die Entscheidung, eine Firma zu kaufen, bleibt zwar beim Menschen, der auch die Verantwortung trägt. Die Qualität dieser Entscheidung wird jedoch durch die KI-gestützte Analyse um ein Vielfaches verbessert. Dieser Ansatz stellt sicher, dass KI dort eingesetzt wird, wo sie den größten Hebel hat: bei der Verbesserung der wichtigsten Entscheidungen, nicht bei der reinen Prozessbeschleunigung.

Neue Rollen, neue Fähigkeiten: Wer macht was im KI-Zeitalter?

Die Integration von KI wirft unweigerlich die Frage nach der Zukunft menschlicher Arbeit auf. Frauke macht deutlich, dass insbesondere Rollen mit hohem Routineanteil, wie im Junior-Engineering oder im Kundenservice, stark betroffen sein werden. Die Sorge, dass dadurch auch die spannendsten Aufgaben wegfallen, teilt sie jedoch nur bedingt. Sie argumentiert, dass menschliche Intelligenz eine einzigartige konzeptionelle und kreative Qualität besitzt, die KI (noch) nicht replizieren kann. Das Beispiel, dass eine KI einem Menschen raten würde, zur Tankstelle zu laufen, um sein Auto zu betanken, verdeutlicht diese Lücke im logischen Verständnis der realen Welt.

Die größte Herausforderung sieht sie in der Entwicklung zukünftiger Experten. Wenn Junior-Positionen wegfallen, woher kommen die Seniors von morgen? Die Antwort liegt in einer Neudefinition von Expertise. Der Wert eines Seniors liegt künftig weniger im Erstellen von Analysen, sondern im Judgment - der Fähigkeit, die Ergebnisse einer KI dank jahrelanger Erfahrung schnell zu validieren und einzuordnen. Unternehmen müssen daher Wege finden, dieses Domänenwissen viel schneller zu vermitteln. Frauke stellt sich vor, dass erfahrene Mitarbeiter ihr Wissen in spezialisierte KI-Agenten (wie ihren persönlichen CHO-Stack) gießen, die dann als Lernbeschleuniger für jüngere Kollegen dienen.

Befähigung als Kern der Transformation: Die 70-30-Regel

Die beste Technologie ist nutzlos, wenn die Menschen nicht in der Lage sind, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Deshalb plädiert Frauke für eine radikale Umverteilung der Investitionen: 70 % in die Befähigung der Mitarbeitenden und nur 30 % in die eigentliche Technologie. Das Ziel dieses Enablements ist es nicht nur, den Umgang mit Tools wie ChatGPT zu lehren, sondern eine tiefgreifende Kompetenz im agentischen Bauen zu entwickeln.

Dafür hat sie ein Reifegradmodell von Level 0 bis 4 entwickelt:

  • Level 0: Zugang haben und prompten können (die absolute Basis).
  • Level 1: Persönliche Produktivität um 20-30 % steigern.
  • Level 2: Agentische Lösungen für das eigene Team bauen, die die Qualität der Arbeit verbessern.
  • Level 3 & 4: Komplexe, geschäftsmodellverändernde Lösungen entwickeln.

Das Ziel ist es, die gesamte Organisation schrittweise auf ein höheres Level zu heben. Die magische Formel dafür ist überraschend einfach: Es ist die Bereitschaft jedes Einzelnen, sich bewusst Zeit für das Lernen und Ausprobieren zu nehmen. Ob durch gemeinsame Watchpartys von Lernvideos oder geblockte Zeitfenster am Wochenende - der entscheidende Faktor ist die investierte Zeit, nicht das Budget für teure Schulungen.

Leadership: Von der Angst zur Gestaltungskraft

In der öffentlichen Debatte über KI dominieren oft Dystopien über Massenarbeitslosigkeit und Kontrollverlust. Felix Schlenther beobachtet, dass diese Szenarien eine lähmende Wirkung haben können und den Weg in eine aktive Gestaltung blockieren. Für Frauke ist genau hier die entscheidende Rolle der Führungskräfte verortet. Ihr Job ist es, eine Welt zu definieren und zu kommunizieren, die es so noch nicht gibt - eine positive, aber realistische Vision der Zusammenarbeit von Mensch und KI.

Um diese Vision entwickeln zu können, müssen Führungskräfte sich intensiv mit der Thematik auseinandersetzen, Podcasts hören, Artikel lesen und vor allem selbst bauen. Nur durch eigene Erfahrung verstehen sie die tatsächlichen Möglichkeiten und können ein kohärentes Zukunftsbild entwerfen. Dieses Bild gibt den Mitarbeitenden Orientierung und die nötige Sicherheit, um den Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen. Eine Führung, die Klarheit schafft und mutig vorangeht, ist der Schlüssel, um aus der Angstspirale auszubrechen und die Organisation in eine proaktive Gestaltungshaltung zu führen.

Praktische Schritte zur KI-Transformation

  1. Adoptiere die richtige Denkweise: Höre auf, KI als Tool zu betrachten. Stelle dir stattdessen vor, du integrierst einen hochintelligenten, lernfähigen Kollegen in deine Prozesse. Frage dich bei jeder Aufgabe: Ist das eine Aufgabe für einen 50er- oder einen 500er-IQ?
  2. Identifiziere deine Kernprozesse: Analysiere, wo in deinem Verantwortungsbereich die wichtigsten, wertschaffendsten Entscheidungen getroffen werden. Konzentriere deine KI-Initiativen genau auf diese Hebelpunkte, um die Qualität der Ergebnisse zu maximieren.
  3. Strukturiere die Befähigung: Definiere klare Kompetenzlevel für den Umgang mit KI (wie das 0-4-Modell). Mache allen klar, was die Erwartungen sind und dass einfaches Prompten nur der Anfang ist.
  4. Schaffe Zeit und Raum zum Lernen: Die wichtigste Ressource ist Zeit. Ermutige deine Teams und dich selbst, feste Zeitfenster für das praktische Lernen und Bauen von KI-Lösungen zu blockieren. Mache es zu einem festen Bestandteil der Arbeitswoche.
  5. Lebe die Vision vor: Als Führungskraft musst du nicht nur die Transformation managen, sondern sie auch vordenken. Entwickle eine klare, fundierte und positive Vision für deine Organisation im KI-Zeitalter und kommuniziere sie unermüdlich. Nur so verwandelst du Unsicherheit in Gestaltungskraft.

Botcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Ich beschäftige mich beruflich wie privat mit Künstlicher Intelligenz - von konkreten Tools im Arbeitsalltag bis zu den größeren Fragen, die dabei aufkommen. Viele der Themen, die in Podcasts besprochen werden, begegnen mir in Projekten immer wieder. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ordne sie aus der Praxis ein.

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Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

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