KI-Transformation bei REWE: Strategien für den Konzernalltag
Wenn du das nächste Mal bei REWE vor dem Obstregal stehst, denkst du wahrscheinlich an deinen Wocheneinkauf - nicht an künstliche Intelligenz. Doch hinter den Kulissen ist der Lebensmittelhändler längst ein Tech-Unternehmen, das KI tief in seine Prozesse integriert hat. Im AI FIRST Podcast erklärt Host Felix Schlenther gemeinsam mit Henrike Alfais, Leiterin der AI Transformation, und Julian Mennenöf, Head of AI Strategy bei REWE, wie diese Transformation gelingt. Sie zeigen auf, wie das Unternehmen seit Jahren klassische KI für das Kerngeschäft nutzt und wie die Welle der generativen KI eine völlig neue, unternehmensweite Strategie erforderte. Diese Episode ist ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie ein etablierter Konzern den Spagat zwischen ROI-getriebenen KI-Projekten und einem tiefgreifenden Kulturwandel meistert, um wirklich jeden Mitarbeiter auf die Reise in die KI-Zukunft mitzunehmen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- REWE setzt seit Jahren auf traditionelle KI-Methoden wie Machine Learning, um Kernprozesse zu optimieren. Dazu gehören Nachfrageprognosen, eine individuelle Sortimentsgestaltung für jeden Markt und die Betrugserkennung bei Systemen wie Scan&Go.
- Die Einführung generativer KI markierte einen Wendepunkt. Während klassische KI ein Expertenthema war, machte generative KI die Technologie für alle Mitarbeitenden zugänglich und erforderte eine neue, breiter angelegte Strategie, die über das Kerngeschäft hinausgeht.
- Als Reaktion gründete REWE den AI Hub. Diese zentrale Einheit fokussiert sich nicht nur auf die Bereitstellung von Tools, sondern vor allem auf die Befähigung der Mitarbeitenden, den Aufbau einer Community und die Schaffung einer sicheren Umgebung für Experimente.
- Der Erfolg basiert auf einer dualen Strategie: Für das Kerngeschäft gilt ein strenger, Business-Case-getriebener Prozess. Für die breite Anwendung in generischen Unternehmensfunktionen und am Arbeitsplatz der Zukunft steht der Kulturwandel und die Befähigung im Vordergrund.
- Ein zentrales Element der Skalierung ist das Ambassador-Programm. Ausgewählte Mitarbeitende werden zu KI-Multiplikatoren in ihren Fachbereichen ausgebildet, um Wissen dezentral zu verankern und als direkte Ansprechpartner zu fungieren.
- Die Zukunft des Handels sieht REWE in der Hyperpersonalisierung durch KI-Agenten. Diese persönlichen Assistenten werden nicht nur den Einkauf, sondern den gesamten Alltag der Kunden proaktiv mitgestalten.
Die unsichtbare KI: Wie REWE schon lange auf Daten setzt
Lange bevor ChatGPT in aller Munde war, hat REWE bereits künstliche Intelligenz genutzt, um das Einkaufserlebnis und die internen Abläufe zu verbessern - meist völlig unsichtbar für die Kunden. Julian erklärt, dass viele dieser Anwendungen auf klassischen Machine-Learning-Modellen basieren. Ein zentraler Anwendungsfall sind Nachfrageprognosen und Bestellvorschläge, die sicherstellen, dass die Regale stets gefüllt sind. Auch die Sortimentsgestaltung wird durch KI optimiert: Algorithmen analysieren lokale Gegebenheiten und Kundenbedürfnisse, um zu entscheiden, wie viele Schokoladensorten ein Markt führen sollte oder ob mehr Tiernahrung benötigt wird, weil ein Tierarzt in der Nähe ist.
Ein weiteres Beispiel ist die Betrugsprävention bei Scan&Go, wo eine KI entscheidet, welche Einkäufe stichprobenartig kontrolliert werden, um den Prozess für Kunden und Mitarbeitende angenehmer zu gestalten. Besonders clever ist ein System, das in allen PENNY-Märkten läuft: Es analysiert Kassenbons, um Out-of-Stock-Situationen zu erkennen, selbst wenn ein Artikel nur verdeckt ist. Wenn ein typischer Frühstücksbon mehrfach ohne Nutella über die Kasse geht, schlägt das System Alarm. Technologisch kommen dabei oft bewährte Methoden wie XGBoost, aber auch Deep-Learning-Ansätze zum Einsatz, die - ähnlich wie Sprachmodelle - die Sprache der Kassenbons verstehen. Henrike ergänzt das Beispiel der Pick&Go-Märkte, in denen Computer Vision ein kassenloses Einkaufen ermöglicht - eine weitere Form von KI, die schon vor dem Hype um generative Modelle im Einsatz war.
Ein Wendepunkt: Wie generative KI die Strategie verändert
Der öffentliche Durchbruch von ChatGPT hat die Spielregeln für REWE fundamental verändert. Henrike beschreibt diesen Moment als den Eintritt in eine neue Ära. Plötzlich war KI kein Thema mehr nur für Datenwissenschaftler, sondern für jeden einzelnen Mitarbeitenden. Diese Demokratisierung der Technologie löste im Konzern eine Welle des Interesses, aber auch der Unsicherheit aus. REWE reagierte proaktiv und startete bereits im Frühsommer 2023 ein gruppenweites Projekt, um die Transformation zu gestalten. Ein Team aus verschiedenen Geschäftseinheiten erarbeitete rechtliche Rahmenbedingungen, identifizierte über 230 potenzielle Anwendungsfälle und gründete eine KI-Community, um den Wissensaustausch zu fördern.
Julian betont, dass REWE seine KI-Strategie daraufhin in drei Säulen aufteilte. Die erste Säule, das Kerngeschäft, folgt weiterhin dem etablierten, ROI-getriebenen Prozess, bei dem KI-Anwendungen wie die Texterstellung für Coupons streng priorisiert und als Produkte entwickelt werden. Die zweite Säule umfasst generische Unternehmensfunktionen wie Finanzen oder Marketing, die in jedem Unternehmen existieren. Die dritte und vielleicht wichtigste neue Säule ist der Arbeitsplatz der Zukunft. Hier geht es darum, jeden Mitarbeitenden zu befähigen, KI im Alltag zu nutzen. Dieser duale Ansatz - strikte Steuerung im Kerngeschäft und offene Befähigung in der Breite - wurde zum entscheidenden Faktor, um sowohl Effizienz zu steigern als auch einen nachhaltigen Kulturwandel anzustoßen.
Der AI Hub: Mehr als nur Tools bereitstellen
Schnell wurde klar, dass rechtliche Leitplanken und der Zugang zu Tools allein nicht ausreichen, um eine echte Transformation zu bewirken. Zu viele unkoordinierte Impulse können eine Organisation sogar überfordern. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde der AI Hub ins Leben gerufen, den Henrike fachlich leitet. Der Hub versteht sich als zentraler Ankerpunkt und Center of Excellence, dessen Hauptaufgabe die Befähigung der Mitarbeitenden ist. Es geht nicht nur darum zu erklären, wie ein Tool funktioniert, sondern zu vermitteln, was es bewirkt und wie es den Arbeitsalltag sinnvoll bereichern kann.
Der AI Hub schafft eine sichere Umgebung, in der Mitarbeitende KI ausprobieren und Erfahrungen teilen können, ohne Angst vor Fehlern haben zu müssen. Durch eine Vielzahl von Formaten, von Schulungen bis hin zu Community-Events, gibt der Hub Orientierung und sorgt dafür, dass die Organisation den Anschluss an die rasante externe Entwicklung nicht verliert. Die Ziele des Hubs werden dabei nicht an harten KPIs wie Produktivitätssteigerungen gemessen, sondern an weicheren Faktoren wie der Reichweite der Kommunikationsmaßnahmen oder der Teilnahme an Events. Dies zeigt, dass REWE den kulturellen Wandel als ebenso wichtig erachtet wie die technologische Implementierung.
Kultur und Haltung: Die Leitplanken für den Wandel
Ein entscheidender Erfolgsfaktor für die KI-Transformation bei REWE ist die bewusste Auseinandersetzung mit Werten und Haltung. Julian verweist auf ein früh entwickeltes AI Manifesto, das vier zentrale Leitprinzipien festlegt und auch heute noch Gültigkeit hat. Erstens soll die Kommunikation von Mensch zu Mensch im Vordergrund stehen, um zu verhindern, dass nur noch KIs miteinander interagieren. Zweitens wird KI als Chance begriffen, deren Risiken aktiv gemanagt werden müssen - eine bewusst optimistische Grundhaltung. Drittens bleibt die Letztverantwortung immer beim Menschen; niemand soll sich blind auf KI-Ergebnisse verlassen. Viertens verpflichtet sich REWE als Unternehmen, alle Mitarbeitenden bei diesem Wandel zu unterstützen.
Henrike unterstreicht die Wichtigkeit dieser Prinzipien im Alltag. Sie beobachtet, dass die Versuchung groß ist, KI-generierte Ergebnisse schnell abzuhaken, ohne sie kritisch zu prüfen. Hier sind besonders die Führungskräfte gefordert, ein Bewusstsein für Verantwortung zu schaffen und eine Kultur des kritischen Denkens zu fördern. Diese Werte werden aktiv durch alle Kommunikationskanäle und Schulungsformate vermittelt, um sicherzustellen, dass sie nicht nur auf dem Papier existieren, sondern in der gesamten Organisation gelebt werden.
Von der Theorie zur Praxis: Skalierung durch Multiplikatoren
Um KI-Wissen nachhaltig in der breiten Organisation zu verankern, setzt REWE auf ein gezieltes Multiplikatoren-Programm. Statt zentralisierter Schulungen, die mit der Gießkanne verteilt werden, bildet der AI Hub sogenannte KI-Ambassadors aus. Dies sind Mitarbeitende aus verschiedenen Fachbereichen, die zu ersten Ansprechpartnern für KI-Themen in ihren Teams werden. Der Vorteil: Diese Ambassadors kennen die spezifischen Probleme und Anwendungsfälle ihrer Kolleginnen und Kollegen und können daher viel gezielter unterstützen als ein zentrales Expertenteam.
Die Ausbildung ist intensiv: Über zwei Monate investieren die angehenden Ambassadors rund vier Stunden pro Woche in ihre Schulung, die je nach Hintergrund technisch, business-orientiert oder hybrid ausgerichtet ist. Ihre spätere Rolle als Multiplikator ist mit etwa zwei Stunden pro Woche veranschlagt. Um die Ernsthaftigkeit des Programms zu sichern, müssen sich Bewerber die Zeit von ihrer Führungskraft genehmigen lassen. Ein weiteres praktisches Werkzeug, das über die Ambassadors in die Organisation getragen werden soll, ist der AI Design Sprint. In diesem Workshop-Format lernen Teams, ihre eigenen Probleme zu identifizieren und zu bewerten, ob und wie KI eine sinnvolle Lösung sein kann - vom einfachen Agenten bis hin zum komplexeren Proof of Concept.
Blick in die Zukunft: Agenten und Hyperpersonalisierung im Handel
Sowohl Julian als auch Henrike sind sich einig, dass die nächste große Welle der KI-Entwicklung in Form von autonomen Agenten kommen wird. Julian bezeichnet Agentic AI als die nächste Stufe, die alles noch mächtiger, aber auch verantwortungsvoller macht. Dieser Trend wird sowohl die interne Organisation als auch das Kundenerlebnis, den Agentic Commerce, prägen.
Henrike konkretisiert diese Vision für den Einkauf der Zukunft. Sie prognostiziert, dass Hyperpersonalisierung zum grundlegenden Prinzip der Kundeninteraktion wird. Anstelle von Webshops werden Kunden zunehmend mit persönlichen KI-Assistenten interagieren. Diese Agenten werden nicht nur die Einkaufsliste kennen, sondern auch Präferenzen, aktuelle Stimmungen oder Gesundheitsdaten berücksichtigen, um proaktiv Vorschläge zu machen und den Einkauf zu steuern. Das, was wir heute als personalisierte Werbung kennen, sei nur der Anfang. Die KI wird zu einem integralen Bestandteil der Lebensgestaltung - eine Entwicklung, die den Handel grundlegend verändern wird.
Praktische Schritte: REWEs Modell für die KI-Transformation
REWEs Vorgehen lässt sich in ein Modell übersetzen, das auch für dein Unternehmen wertvolle Impulse liefern kann:
- Entwickle eine duale Strategie: Unterscheide klar zwischen KI-Anwendungen im Kerngeschäft, die einem strengen ROI-Prozess unterliegen, und einem breiteren Enablement-Ansatz, der auf Kulturwandel und Befähigung abzielt. Nicht jeder KI-Einsatz muss sofort einen messbaren Business Case haben.
- Schaffe einen zentralen Ankerpunkt: Etabliere eine Einheit wie den AI Hub, die als vertrauenswürdige Anlaufstelle dient. Ihre Aufgabe ist es, Orientierung zu geben, Sicherheit zu schaffen und eine Community aufzubauen - nicht nur, Tools zu verwalten.
- Definiere Werte und Leitplanken: Formuliere klare und verständliche Prinzipien für den Umgang mit KI. Das schafft Vertrauen, reduziert Ängste und sorgt dafür, dass die Technologie im Einklang mit der Unternehmenskultur eingesetzt wird.
- Dezentralisiere das Wissen: Statt auf ein zentrales Expertenteam zu setzen, baue ein Multiplikatoren-Netzwerk auf. Bilde Ambassadors in den Fachbereichen aus, die das Wissen kontextspezifisch weitergeben und als erste Ansprechpartner fungieren.
- Befähige statt nur zu schulen: Gehe über klassische Schulungen hinaus. Entwickle interaktive Formate wie AI Design Sprints, in denen Teams lernen, ihre eigenen Probleme zu analysieren und eigenständig erste Lösungsansätze mit KI zu entwickeln.
- Beziehe Führungskräfte aktiv ein: Der Wandel muss von oben unterstützt und vorgelebt werden. Sorge dafür, dass das Management nicht nur informiert ist, sondern selbst geschult wird und die strategische Bedeutung von KI versteht und kommuniziert.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
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