Fabian Westerheide: Warum Deutschland KI als Werkzeug begreifen muss

Warum wir von China lernen und KI wie Bohrmaschinen behandeln müssen | Fabian Westerheide, Rise of AI

Warum wir von China lernen und KI wie Bohrmaschinen behandeln müssen | Fabian Westerheide, Rise of AI

21. November 2025 · AI to the DNA

KI-Investor Fabian Westerheide über Chinas Vormachtstellung, den Fall DeepSeek und warum Deutschland vom KI-Zauderer zum Anwendungs-Weltmeister werden muss. In der neuen Folge von AI to the DNA spricht Host Christoph Magnussen mit einem der frühesten und konsequentesten KI-Investoren Deutschlands. Fabian Westerheide, der seit 2014 ausschließlich in Künstliche Intelligenz investiert und die renommierte Konferenz Rise of AI gegründet hat, liefert eine scharfe Analyse des globalen KI-Wettlaufs. Das Gespräch taucht tief in die strategischen Unterschiede zwischen China, den USA und Europa ein und beleuchtet, warum Kapital, Kultur und Konsequenz entscheidender sind als die reine Technologie. Für Entscheider in Unternehmen und alle, die die wahren Kräfte hinter der KI-Revolution verstehen wollen, ist diese Folge eine unverzichtbare Ressource, um die eigene Positionierung im neuen technologischen Zeitalter zu finden.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Chinas strategischer Vorsprung: Fabian erklärt, dass China nicht einfach nur kopiert, sondern seit Jahren einen strategischen Masterplan mit massiven staatlichen Investitionen verfolgt. Während Europa noch diskutiert, hat China ein reifes digitales Ökosystem geschaffen, das KI-Anwendungen in großem Stil ermöglicht.
  • Europas Rolle als Anwendungs-Weltmeister: Im Rennen um die Entwicklung von Basismodellen (Foundational Models) kann Europa aufgrund eines enormen Kapitaldefizits - Fabian schätzt den Faktor auf 1 zu 25 im Vergleich zu den USA - nicht mithalten. Die wahre Chance liegt in der Anwendung: Deutschland muss seine Stärken im Maschinenbau und in der Industrie nutzen, um KI in Nischen zu perfektionieren.
  • KI als kulturelle Bedrohung und Chance: Sprachmodelle sind kulturbewahrend. Die unreflektierte Nutzung amerikanischer Modelle wie ChatGPT birgt laut Fabian die Gefahr, dass unsere Kultur, Sprache und Werte von einem amerikanischen Weltbild geprägt werden. Deshalb sei die Entwicklung eigener europäischer Modelle eine Frage der kulturellen Souveränität.
  • Vom Add-on zur DNA: KI ist keine Software, die man einfach installiert. Sie erfordert einen tiefgreifenden Kulturwandel im Unternehmen. Fabian fordert, dass jede Firma ab 50 Mitarbeitern eine Person haben sollte, die sich hauptberuflich mit KI beschäftigt, um Prozesse von Grund auf neu zu denken.
  • Die neue Macht der Einzelkämpfer: KI ermöglicht es Einzelpersonen oder kleinsten Teams, hochprofitable Unternehmen aufzubauen. Fabian nennt das Beispiel von ChatPDF, das von einer einzigen Person zu einem monatlichen Gewinn von 300.000 Euro geführt wurde, und beschreibt sein eigenes Ziel, eine Firma mit einer Million Euro Monatsumsatz ohne feste Mitarbeiter aufzubauen.
  • Der Kampf um die Infrastruktur: Der wahre Engpass im KI-Rennen ist nicht mehr nur Talent, sondern Rechenleistung und Energie. Gigantische GPU-Farmen wie Elon Musks Projekt Colossos zeigen, dass die Zukunft der KI auf einer physischen Infrastruktur gebaut wird, bei deren Aufbau Europa aktuell den Anschluss verliert.

Chinas Masterplan: Strategie schlägt Zufall

Wenn wir nach China blicken, sehen wir oft nur die Kopie westlicher Technologien. Fabian Westerheide zeichnet ein völlig anderes Bild. Seit 2016, so erklärt er, verfolgt China einen rigorosen, im Fünfjahresplan verankerten Masterplan. Mit Investitionen von damals 170 Milliarden Dollar wurden ganze KI-Stadtparks und Forschungscluster aus dem Boden gestampft. Dieser staatlich gelenkte Ansatz schuf ein Umfeld, in dem nationale Champions wie Alibaba entstehen konnten - geschützt vor interner Konkurrenz, aber stark genug für den globalen Wettbewerb. Fabian beschreibt diese Mischung aus Effizienz, Leistungsdruck und Überwachung, etwa durch das Social-Scoring-System, als eine Art dystopische Schönheit. Während Europa in Debatten verharrt, hat China Fakten geschaffen und ein Ökosystem aufgebaut, das auf Digitalisierung und Datenaggregation basiert - die perfekte Grundlage für eine KI-dominierte Zukunft.

Warum konnte ein Modell wie DeepSeek nicht aus Europa kommen?

Anfang des Jahres sorgte das chinesische KI-Modell DeepSeek für Aufsehen, weil es angeblich ohne die knappen Nvidia-Chips entwickelt wurde und die Leistung etablierter Modelle erreichte. Fabian entlarvt dies als clevere PR. In Wirklichkeit wurden Zehntausende Chips ins Land geschmuggelt - ein Zeichen dafür, wie wertvoll diese Ressource ist. Doch die entscheidende Frage, die Christoph und Fabian diskutieren, lautet: Warum entsteht so etwas nicht in Europa? Die Antwort ist ernüchternd und liegt vor allem am Geld. Während ein deutsches Vorzeige-Lab wie Aleph Alpha über seinen Lebenszyklus rund 500 Millionen Euro einsammeln konnte, bewegt sich OpenAI in Dimensionen von 50 bis 60 Milliarden. Dieser Kapitalunterschied von Faktor 25 bis 50 macht einen fairen Wettbewerb bei der Entwicklung von Basismodellen unmöglich. China, so Fabian, hat intelligent agiert: Sie haben auf der teuren amerikanischen Grundlagenforschung aufgebaut, die Modelle durch eigene Daten und Ansätze verfeinert und so mit geringeren Kosten ein hocheffizientes Produkt geschaffen. Europa fehlt es nicht an Talent, sondern an der Fähigkeit und dem Mut, Kapital in dieser Größenordnung zu mobilisieren.

Vom Tool-Touristen zum Anwendungs-Weltmeister: Deutschlands Nische

Wenn Deutschland und Europa im globalen KI-Rennen eine Rolle spielen wollen, müssen sie das Spiel ändern. Statt zu versuchen, im kostspieligen Wettlauf um die größten und besten Basismodelle mitzuhalten, sollten wir uns auf unsere Stärken besinnen. Fabian plädiert leidenschaftlich dafür, dass Deutschland zum Anwendungs-Weltmeister wird. Das bedeutet, vorhandene KI-Technologie zu nehmen und sie in spezifischen, hochkomplexen Industriebereichen wie dem Maschinenbau, der Medizintechnik oder der Logistik zu perfektionieren. Hier geht es nicht um allgemeine Sprachmodelle, sondern um hochspezialisierte, feingetunte KI-Systeme, die auf einzigartigen Datensätzen trainiert sind. Diese Nischenstrategie ist nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern auch eine kulturelle. Fabian warnt eindringlich davor, dass eine ausschließliche Abhängigkeit von amerikanischen KI-Tools wie ChatGPT unsere Denk- und Arbeitsweise und letztlich unsere Kultur prägt. Europäische Modelle sind daher kein Luxus, sondern ein Baustein zur Wahrung unserer digitalen und kulturellen Identität.

KI in der Unternehmens-DNA verankern

Viele Unternehmen glauben, mit der Einführung eines Tools wie Microsoft Copilot sei der Weg in die KI-Zukunft geebnet. Ein fataler Trugschluss, wie Fabian betont. KI ist kein Pflaster, das man auf alte Prozesse klebt, sondern ein Katalysator, um alles neu zu denken - von der Produktentwicklung bis zur Buchhaltung. Echte Transformation erfordert einen Kulturwandel, der von der Führungsebene getragen wird. Als leuchtende Beispiele nennt er deutsche Unternehmen wie Schäffler und REWE. Insbesondere REWE hat mit der Gründung von REWE digital eine eigene schlagkräftige Einheit geschaffen, die nicht nur interne Prozesse optimiert, sondern mittlerweile selbst zu einem profitablen Technologieanbieter für Wettbewerber geworden ist. Die Motivation dahinter ist oft nicht nur der Wunsch nach Effizienz, sondern der blanke Zwang durch den Fachkräftemangel. Um diesen Wandel zu meistern, so Fabians konkrete Empfehlung, braucht jedes Unternehmen ab 50 Mitarbeitern mindestens eine Person, die sich vollzeitlich mit KI beschäftigt und deren Integration vorantreibt.

Praktische Schritte für Individuen und Unternehmen

  1. Entwickle Eigenverantwortung und Medienkompetenz: Behandle KI-Werkzeuge wie eine Bohrmaschine - mit Respekt und Wissen. Fabian nutzt dieses Bild, um klarzumachen, dass man die Funktionsweise und die Gefahren eines Werkzeugs verstehen muss, bevor man es nutzt oder es seinen Kindern in die Hand gibt. Lerne, was die Tools können, und nutze eingebaute Kontrollmechanismen, um digitale Sucht zu vermeiden.
  2. Etabliere eine KI-Kultur, keine KI-Projekte: Höre auf, in einzelnen Pilotprojekten zu denken. KI muss Teil der Unternehmens-DNA werden. Das beginnt mit dem Commitment der Geschäftsführung und erfordert dedizierte Ressourcen. Identifiziere deine Kernkompetenzen und prüfe, wie spezialisierte, feingetunte Modelle diese stärken können, anstatt nur auf Allzweck-Tools zu setzen.
  3. Denke Prozesse von Grund auf neu: Nutze die Chance, die KI bietet, um ineffiziente Abläufe komplett über Bord zu werfen. Anstatt KI auf einen bestehenden Prozess zu setzen, baue den Prozess um die Möglichkeiten der Automatisierung herum auf. Das Ziel sollte sein, jeden Schritt, der nicht zwingend menschliche Kreativität oder Empathie erfordert, zu automatisieren.
  4. Setze auf die richtigen Werkzeuge für den richtigen Zweck: Für allgemeine Aufgaben wie das Schreiben von E-Mails ist ein Co-Pilot praktisch. Für geschäftskritische Prozesse, die auf einzigartigem Fachwissen basieren oder sensible Daten involvieren, solltest du Open-Source-Modelle in Betracht ziehen. Diese können auf eigener Infrastruktur betrieben werden und geben dir die volle Kontrolle über Daten und Funktionalität.
  5. Finde deinen Fokus und lerne, abzuschalten: Die neuen Werkzeuge machen uns schneller und produktiver. Die Kehrseite ist die Gefahr, sich im Hamsterrad der ständigen Optimierung zu verlieren. Fabian betont, wie wichtig es gerade in dieser beschleunigten Zeit ist, bewusst Pausen zu machen, durchzuatmen und die gewonnene Zeit nicht nur in mehr Arbeit, sondern in Lebensqualität zu investieren.

Botcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Ich beschäftige mich beruflich wie privat mit Künstlicher Intelligenz - von konkreten Tools im Arbeitsalltag bis zu den größeren Fragen, die dabei aufkommen. Viele der Themen, die in Podcasts besprochen werden, begegnen mir in Projekten immer wieder. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ordne sie aus der Praxis ein.

Mehr über das Projekt Botcaster

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

Alle Inhalte auf Botcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts rund um Künstliche Intelligenz. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.

Shownotes

Wie kann Europa im globalen KI-Rennen gegen die USA und China überhaupt noch bestehen? Und was passiert mit unserer Kultur, wenn wir nur noch amerikanische Sprachmodelle nutzen?
Zu diesen und weiteren Fragen spreche ich in dieser Episode von „AI to the DNA", dem Podcast für alle, die Künstliche Intelligenz wirklich verstehen und anwenden wollen, mit Fabian Westerheide. Fabian investiert seit 2014 ausschließlich in KI und ist Gründer der renommierten „Rise of AI"-Konferenz.

Diesen Podcast gibt es auch als Video-Podcast auf meinem YouTube Kanal.

Wir sprechen darüber, warum Europa das Rennen um die großen Basismodelle strategisch bereits verloren hat und warum Fabian sagt: „Wir sollten mehr von den Chinesen lernen." Es geht um u. a. um Chinas Milliarden-Investments und die strategische, fast „dystopische Schönheit" des Umgangs des dortigen Systems mit KI. Außerdem analysieren wir den DeepSeek-Case: Wie ein chinesischer Fonds mit 85.000 geschmuggelten Chips die KI-Welt aufmischte – einfach, weil sie schneller in der Anwendung waren.

Wir reden auch über den wahren Preis der KI: den brutalen Infrastruktur-Kampf. Fabian erklärt, warum Atomkraftwerke heute nur für Rechenzentren gebaut werden und warum Elon Musk (xAI) Gasturbinen über den Atlantik verschifft, um eine Million GPUs zu betreiben. Es ist ein Kampf um die Hoheit der Sprache, denn wer die Modelle kontrolliert, dominiert die Kultur.

Welchen Weg kann Deutschland da überhaupt noch gehen? Statt im Sub-Bereich der Sprachmodelle zu konkurrieren, müssen wir in die anderen 90 % von KI investieren – in die breite Anwendung. Es geht darum, wie wir als Land vom „Late Adopter" zum Anwendungsweltmeister werden, bevor unsere Kultur in amerikanischen – oder chinesischen – Modellen untergeht.

Wie sieht diese Anwendung praktisch aus? Wir besprechen den Trend zu „Domain-Modellen" – kleinen, feingetunten KIs mit extremem Fachwissen – und das Konzept des „Atomic Scaling", also: wie eine einzelne Person mit KI eine Million Euro Umsatz machen kann. Fabian zeigt, wie er selbst eine Firma „um KI herum" baut (ganz ohne Mitarbeitende) und warum wir KI in Bezug auf Kinder wie eine Bohrmaschine behandeln sollten.

Hier bei AI to the DNA will ich, Christoph Magnussen, tiefer in die Materie eintauchen. Mich interessiert nicht nur, wie man KI nutzt, sondern warum sie so funktioniert, wie sie funktioniert. Mit AI to the DNA gewinnt ihr Einblicke in die Natur der Künstlichen Intelligenz – und erfahrt, wie sie Teil eurer DNA wird. So werdet ihr von neugierigen Tool-Tourist:innen zu echten AI-Anwendungsweltmeister:innen!

 

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  • (00:00) - Intro & Vorstellung: Fabian Westerheide
  • (02:55) - Vom Scheitern zum KI-Investor: Fabians Weg & Motivation
  • (08:19) - Rise of AI & Chinas KI-Vorsprung
  • (15:39) - Europas Kapitalproblem & das verpasste Rennen
  • (21:55) - KI & Kultur: Warum Sprache Identität ist
  • (23:36) - Deutschland-Tempo, Praxisbeispiele & Erfolgsfaktoren für KI-Projekte
  • (31:08) - Atomic Scaling & die Zukunft der Arbeit
  • (37:16) - KI-Infrastruktur & das Wettrüsten der Supermächte
  • (41:31) - Vom LSTM bis zur AGI – alte Ideen, neue Relevanz
  • (47:53) - Neue Nutzungsmuster: ChatGPT, Konsum & Big-Tech-Dynamiken
  • (52:42) - Bildung & Verantwortung: Wie wir Kinder auf die KI-Welt vorbereiten
  • (57:14) - Fokus, Familie & Selbstführung im KI-Zeitalter
  • (01:00:37) - Wie wir zum AI-Anwendungsweltmeister werden